Verbund der Trockenlebensräume – Schafe als Taxi

Die Samen von Pflanzen, vor allem solche mit Stacheln oder Widerhaken wie z.B. Kletten, und kleine Tiere wie Heuschrecken, Käfer und Spinnen oder manchmal auch junge Eidechsen werden in der Wolle der Schafe mittransportiert. Das wandernde Schaf ist somit ein lebendiges „Taxi“ für den Austausch von Tier- und Pflanzenpopulationen und nimmt mit diesem sogenannten Vektortransport eine wichtige Funktion für den Biotopverbund wahr.


In historischer Zeit wurde in Europa Weidewirtschaft mit einem jährlichen Wechsel zwischen Sommer- und Winterweiden vorgenommen. Es wurden jeweils die Gebiete aufgesucht, die bezüglich der Temperatur und dem Aufwuchs des Futters gute Bedingungen boten.

 

Abb.: Historische Transhumanz in Süddeutschland und im Elsass und aktuelle Haupttriebwege in Baden-Württemberg. Winterweiden in tieferen Lagen sind durch Triebwege mit den Sommerweiden verbunden. Ein genetischer Austausch von Pflanzen und Kleintieren war für das gesamte Gebiet möglich und ist heute auf Teilgebiete beschränkt. Bild verändert nach Jacobeit 1961 mit Angaben von F. Wagner.

Diese Wechselweidewirtschaft wird auch Transhumanz genannt. Das südliche Oberrheingebiet war auf deutscher und französischer Seite in ein großflächiges System der Wanderschäferei eingebunden und stellte vor allem gute Winterweideplätze zur Verfügung. Nach der über 180 km langen sogenannten „Reise“ weideten die Tiere im Sommer auf der Schwäbischen Alb (Hornberger 1959, Jacobeit 1961). Diese Verbindungen existieren auch heute noch in etwas verminderter Form. Auf den Routen durch das Kinzigtal und über Lörrach und den Hochrhein Richtung Schwäbische Alb ziehen auch heute noch mehrere Wanderschäfer mit ihren Herden.

Flächen, auf denen Ackerbau wegen der Steillage, Wassermangel oder anstehendem Gestein nicht möglich war, wurden entweder als Wald oder als Weide genutzt. Diese strenge Trennung der Nutzungen ist allerdings erst etwa 150 Jahre alt. Davor erfolgte eine zwar durchaus differenzierte, jedoch nahezu vollständige Beweidung dieser Bereiche mit unterschiedlichen Intensitäten. Vegetationsanalysen und Vergleiche in der Nutzungshistorie lassen den Schluss zu, dass im südlichen Oberrheingebiet die Trockenrasen der Vorbergzone des Schwarzwaldes und der Vogesen, im südelsässischen Harth, auf den trockenen Flächen der Hochgestade beiderseits der Rheinaue und im Kaiserstuhl von Schafen beweidet waren (Treiber, R. 2019). Die Kombination von Winterweide und Schafhaltung machten das südliche Oberrheingebiet zwischen dem 16. Jahrhundert bis in die heutige Zeit zu einem Gebiet mit hoher Bedeutung für die Wanderschäferei.

Die verbliebenen Reste dieser traditionellen Schafbeweidung auf den Grünlandflächen in der Trockenaue des Rheins werden von der Naturschutzverwaltung begleitet und gefördert. Ein Wanderschäferbetrieb hütet traditionell seine Schafe in der Trockenaue bei Neuenburg.

Im Rahmen der Modellregion Biotopverbund MarkgräflerLand MOBIL konnte die Wanderstrecke der Schafherde von 15 km auf 40 km ausgeweitet werden. Vor Projektbeginn wurden nur das Naturschutzgebiet Rheinwald und weitere Flächen auf Gemarkung Neuenburg beweidet. Nun konnten weitere Schutzgebiete entlang des Rheins wie das Kapellengrien und das Blansinger Grien und viele Biotopflächen integriert werden, bis die Sommerweideflächen im NATURA 2000-Gebiet am Tüllinger Berg erreicht werden. Wenigstens ein kleiner Teil des früher durch Schafherden im genetischen Austausch befindlichen Areals konnte im Projekt MOBIL funktional wieder verbunden werden.



Die „Reise“ der Schafe – ein Hindernislauf

Auf dem Triftweg werden die Schafe mit Hunden getrieben. Die historischen Triftwege sind nur noch in Teilen intakt. Sie werden heute von Straßen, Bahnlinien, Erweiterungen von Siedlungen, Gewerbe- und Freizeitflächen sowie Großbaustellen zerschnitten. Die Schäfer müssen sich einen Weg durch sich jährlich ändernde Gegebenheiten suchen. Das Projekt MOBIL konnte hier den Schäfer unterstützen. Die Schafherde benötigt zum Beispiel jede Nacht einen Pferchplatz, der groß genug und nicht feucht ist. Der Pferch sollte zudem vom Publikumsverkehr etwas abgelegen und gut mit dem PKW mit Anhänger erreichbar sein.

Besonders an Engstellen, wie am Leinpfad am Rheinufer, ist die Schafherde auf Rücksicht der Wanderer, Fahrradfahrer und Hundebesitzer angewiesen. Erschreckte Schafe könnten sonst vom Triebweg abkommen und auf die Straßen oder gar die Autobahn flüchten. Hundebesitzer werden deshalb gebeten, beim Auslauf in der Nähe der Schafherde und der Schafkoppel die Hunde an die Leine zu nehmen. Die Schafe sollten nicht mit Brot oder sonstigen Lebensmittelresten gefüttert werden.

Für den Parkplatz Fischergrund an der BAB 5 Richtung Basel auf Höhe Bad Bellingen wurde im Zuge der Projektentwicklung für dieses Verbundprojekt bei der Straßenbauverwaltung angeregt, den Parkplatz gegen den Leinpfad mit dem zwischenzeitlich installierten Zaun abzugrenzen. An dieser Stelle wurden einmal Schafe von einem fremden Hund auf den Parkplatz gejagt. Die Schafe konnten gerade noch davon abgehalten werden, auf die Fahrbahn der Autobahn zu flüchten.