Tüllinger Berg

  

Um die Bandbriete der Aktionen zu verdeutlichen, werden diese exemplarisch am Tüllinger Berg vorgestellt:

Hot-Spot der Artenvielfalt im grenzüberschreitenden Biotopverbund

Im äußersten Südwesten des Markgräflerlandes ist der Tüllinger Berg gelegen. Große Bereiche des Tüllinger Berges sind als Vogelschutz- und Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Gebiet ausgewiesen. Ein Teilbereich gehört zur Schweiz und ist sogar für den Kanton Basel-Stadt eine Besonderheit, da es zu den strukturreichsten Gebieten des Kantons gehört. Rebparzellen wechseln sich ab mit Wiesen, Obstbäumen und Gehölzen.
An den Hängen des Tüllinger Berges kommen auf der auf schweizer Seite und dem wesentlich größerem Anteil auf deutschem Staatsgebiet in Weil am Rhein, Lörrach und Binzen mehrere regional seltene Vogelarten vor, darunter der Wendehals, die Zaunammer und der Gartenrotschwanz.

Streuobst, Weinbau und Gärten – Das Miteinander schafft Artenreichtum am Tüllinger Berg

So vielfältig die Landschaft und reich ihre Artenvielfalt, so vielfältig sind auch die lokalen Akteure, die den Tüllinger Berg nutzen. Winzer, Landwirte, darunter Obstbaubetriebe, Kleingärtner, Erholungssuchende und der Naturschutz sind aufgerufen, sich gemeinsam für die Erhaltung der einzigartigen Kulturlandschaft einzusetzen.

Der Wendehals: Charaktervogel lichter Baumbestände

Der Wendehals lebt in Landschaften mit einem lockeren Baumbestand, wie Parklandschaften oder Streuobstwiesen mit Anteilen von lichten Wäldern. Diese Spechtart ernährt sich überwiegend von Ameisen, deren Hügel in den extensiven Wiesen zu finden sind. Astlöcher, oft in Apfelbäumen, nutzt er als Bruthöhlen. Mit dem rasanten Rückgang strukturreicher Streuobstwiesen und dem Brachfallen oder Mulchen der Wiesen ist der Charaktervogel dieses Lebensraumes mittlerweile stark gefährdet.

Streuobstwiesen – Hot Spot der Artenvielfalt auf dem Rückzug

Die Fläche der Streuobstbestände ist im Land Baden-Württemberg seit den 70er Jahren dramatisch geschrumpft und der Rückgang setzt sich fort. So sind von 2008 bis 2018 rund 8% der deutschen Bestände verloren gegangen [Universität Hohenheim 2019]. Deshalb wurde an das Trinationale Umweltzentrum (TRUZ) im Rahmen des Projektes MOBIL eine Studie zur Erfassung des Zustandes der Streuobstwiesen am Tüllinger Berg vergeben.

Die Kartierung der Streuobstwiesen am Tüllinger Berg bestätigt den landesweiten Trend: Fast 1.000 der 6.200 erfassten Obstbäume sind abgängig, d.h. 16% der Bäume werden innerhalb weniger Jahre verloren gehen. Noch stehen ca. 4.700 ertragsfähige Bäume auf dem Tüllinger Berg, ca. 450 Jungbäume rücken nach. Auch die ertragsfähigen Bäume sind zu 50% pflegebedürftig, ein Vitalisierungsschnitt ist dringend durchzuführen. Das Verhältnis alter und pflegbedürftiger Bäume zu den Jungbäumen signalisiert dringenden Handlungsbedarf, um den Lebensraum Streuobstwiese langfristig zu erhalten.

Obstbäume – Pflegen & Pflanzen für deren Erhalt

Neben der Erfassung hat die Kartierung des TRUZ flurstücksgenaue Pflegehinweise formuliert. Einige Maßnahmen für deren Erhalt wurden bereits umgesetzt. Die Dokumentation wird Grundlage für umfangreiche und regelmäßig durchzuführende Schnitt- und Pflanzaktionen am Tüllinger Berg sein.

Im Vordergrund der Maßnahmen steht die Erhaltung wertvoller Habitatbäume. Diese bieten Strukturen für höhlenbewohnende Vögel wie den Wendehals. Immerhin sind 26% aller erfassten Bäume als Habitatbaum klassifiziert. Mit Hilfe eines naturschutzfachlichen Schnittes wird das Leben dieser Bäume verlängert. Dort, wo der Anteil abgängiger Bäume zu groß ist, muss nachgepflanzt werden. Auf dem Tüllinger Berg hat das TRUZ gemeinsam mit den Partnern vor Ort im Rahmen von MOBIL 322 Obstbäume geschnitten und 62 Bäume nachgepflanzt.



Wiesen – Gegen das Verbuschen

Neben einer Überalterung der Obstbäume ist die Aufgabe der Wiesenpflege ein weiteres Problem in Kulturlandschaften. Viele der Flächen auf dem Tüllinger Berg sind bereits über viele Jahre zugewachsen. Kleinteilige Flächen werden vielerorts nicht mehr bewirtschaftet. Neben dem Verlust besonderer Pflanzengesellschaften und Nahrungshabitate für Vögel sind verbuschte Flächen auch den Nutzern in nächster Nachbarschaft ein Störfaktor. Sofern einzelne Flächen verbuscht sind, dienen ihre Strukturen durchaus als wertvolle Nische, wobei eine große Anzahl ungepflegter Parzellen mit großflächigen Brombeerhursten zunehmend Schädlinge fördert und beste Ausbreitungsmöglichkeiten z. B. für die Kirschessigfliege bietet. Nicht zuletzt verändert die zunehmende Anzahl ungepflegter Wiesen und Bäume das Landschaftsbild nachhaltig, der Strukturreichtum geht verloren.

Handlungsbedarf wurde seitens der Bewirtschafter, die auf eine gepflegte Nachbarschaft angewiesen sind, lange angemahnt. Um diese Problematik mit den Akteuren vor Ort anzugehen, hat das TRUZ mit der Stadt Weil am Rhein eine stark verwilderte kommunale Obstwiese als Modellfläche gewählt. Diese wurde mit der Mähraupe frei gestellt, die Obstbäume geschnitten; Nachpflanzungen folgen im Herbst 2020. Die Umnutzung und Aufwertung dieser Modellfläche dient als Multiplikator, um weitere städtische Flächen aufzuwerten und um Nachahmern einen Anstoß und Anleitung geben zu können. Ein wichtiges Signal an die Landwirte und Winzer am Tüllinger Berg, deren Kulturen durch ein Übermaß an Brombeergestrüppen einem zunehmenden Schädlingsdruck ausgesetzt sind.

Wiesen und Streuobst – Gemeinsam pflegen und pflanzen

Die Kulturlandschaft mit ihren Obstbäumen, Reben, Gärten und Wiesen kann nur dauerhaft erhalten bleiben, wenn viele Akteure und Nutzer aktiv werden. Ein wichtiger Anschub wurde vom TRUZ im Rahmen von MOBIL gemacht, dabei finanziert über:

• Fördermittel der Landschaftspflegerichtlinie (LPR), die der Landschaftserhaltungsverband Landkreis Lörrach e.V. koordiniert

• MOBIL-Projektgelder des Regierungspräsidium Freiburg

• Mittel der Stadt Lörrach für private Streuobstwiesenbesitzer und Umweltbildungsprojekte

• Mittel der Stadt Weil am Rhein für das kommunale Ökokonto

Für die zukünftige Maßnahmenkoordination zum Erhalt der Streuobstwiesen am Tüllinger Berg ist das TRUZ Ansprechpartner im Auftrag des Regierungspräsidiums Freiburg. Machen Sie mit!

Naturnahe Gärten – Strukturreicher Lebensraum

Der Besucherdruck auf den Naturraum nahe der Stadt ist immens. Auch die Nachfrage nach Grundstücken für die private Nutzung als Garten ist gestiegen. Aufgrund des Schutzstatus des Tüllinger Berges sind die Möglichkeiten einer Gartengestaltung eingeschränkt. Dessen sind sich viele Freizeitgärtner im Außenbereich nicht bewusst. Die Landschaft wird zunehmend mit Hütten, Zäunen und Lagerplätzen bebaut, dies gefährdet Tiere und Pflanzen.

Auf der anderen Seite bieten naturnahe Gärten strukturreiche Rückzugsorte für die Tier- und Pflanzenwelt. Die Problematik des illegalen Hüttenbaus, aber auch das Potential extensiver Gärten für den Biotopverbund am Tüllinger Berg, hat das TRUZ als lokaler Partner vor Ort aufgegriffen. Die Gartennutzung am Tüllinger Berg darf nicht auf Kosten von Streuobstwiesen, Weingärten und Weiden ausgeweitet werden. Bestehende Gärten sollen naturnah umgestaltet werden. Deshalb hat das TRUZ zwei Initiativen gestartet. Ein Naturgartenwettbewerb hat das Netzwerk der Naturgärtner am Tüllinger Berg ins Rollen gebracht.

Mit der Publikation des Faltblattes „Gärten am Tüllinger Berg – wenn, dann naturnah!“ gibt das TRUZ mit den kommunalen Partnern der Stadt Weil am Rhein und Lörrach Anregungen für eine naturnahe Gartengestaltung. Gleichzeitig soll darauf aufmerksam gemacht werden, in welch besonderem Naturraum sich ein Garten am Tüllinger Berg befindet. Der Folder mit praktischen Tipps ist über das TRUZ zu beziehen.



Mit den Akteuren vor Ort – Für eine Identifikation mit dem Tüllinger Berg

Nur unter Einbeziehung der Menschen vor Ort ist die Erhaltung dieser einzigartigen Kulturlandschaft langfristig realisierbar. Das TRUZ versteht sich dabei als Netzwerker und Vermittler der Interessen des Naturraumes. Über das MOBIL-Projekt konnten sich weiterführende Initiativen und Projekte bilden, die offen für weitere Akteure sind: Auf dem Tüllinger Berg sind zahlreiche Pächter und Eigentümer von Grundstücken aktiv, die ihre Flächen nach naturschutzfachlichen Gesichtspunkten bewirtschaften oder naturnah entwickeln möchten. Eine beispielhafte Initiative ist die Vernetzung der „Naturgärtner“ untereinander über das von der EnBW geförderte Vorhaben, Teichkomplexe und Trockenmauern in den Gärten anzulegen. Das TRUZ konnte beratend bei der Konzeption, der Beantragung von Fördermitteln und der Durchführung unterstützen. Als nächstes Projekt der „Naturgärtner“ ist die Anlage einer größeren Trockenmauer geplant.



Das über MOBIL initiierte Streuobstklassenzimmer wird über die Projektdauer von MOBIL hinaus über den Fachbereich Umweltbildung des TRUZ sowie von Armin Wikmann, LOGL-Fachwart und Streuobstpädagoge mit einer Streuobstfläche im Privatbesitz, fortgeführt.

Veranstaltungen wie der Streuobst-Tag mit der Sortenbestimmung von Äpfeln und Birnen oder der Natur- Tag mit vielfältigen Exkursionsangeboten wurden gut angenommen und werden weiterhin in Kooperation mit der Streuobstinitiative des Landkreis Lörrach angeboten.