Streuobst als Lebensraum – Akteure qualifizieren

Jede Phase im Leben eines Streuobstbaumes bedarf der Pflege durch den Menschen. Erst das fachgerechte Einpflanzen, der Erziehungs- und später der Pflegeschnitt schaffen einen reifen Baum mit gutem Obst und Habitatqualitäten für Vögel, Fledermäuse und Insekten. Fallen im Alter die Pflegeschnitte aus, kann der Baum bei Schnee- oder Fruchtlast oder bei Sturm frühzeitig auseinanderbrechen und seine wertvolle Habitatfunktion nicht mehr bereitstellen. Ohne entsprechendes Wissen sind die Streuobstbestände langfristig nicht zu erhalten!



Im Markgräflerland ist wie in anderen Landesteilen das einst detaillierte Wissen um die Pflege des Streuobstes stark zurückgegangen. Streuobst rechnet sich nicht, und daher gilt dem Weinbau das Hauptaugenmerk. Im großen Streuobstgürtel in Württemberg blieb die Tradition des Streuobstwissens dagegen lebendiger.

Das württembergische Projekt „LIFE Vogelschutz in Streuobstwiesen“ hat uns gezeigt, dass Akteure qualifiziert werden müssen. Deshalb wurde in Kooperation mit dem Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg e.V. (LOGL) und den Kreisobstbauberatern der Landkreise Lörrach und Breisgau-Hochschwarzwald ein kreisübergreifender Ausbildungsgang LOGL-GEPRÜFTER OBST- UND GARTEN-FACHWART® mit einem Schwerpunkt Streuobst und Biotopverbund konzipiert. Der LOGL-Ausbildungsgang wurde um viele Themen im Streuobstbau erweitert, der Nutzen für Fledermäuse und Vögel wird in Theorie und Praxis gelehrt. Ziel des Kurses ist das selbstständige praktische Schneiden eines Streuobstbaumes. Viermal wurde dieser Fachwartkurs im Rahmen von MOBIL durchgeführt. Württembergische Gastreferenten ergänzten am Anfang unser Team. Ungefähr hundert Fachwarte wurden ausgebildet, die Kursinhalte wurden weiterentwickelt. Es wurden nicht nur Besitzer von Streuobstbeständen oder Naturbegeisterte, die aktiv werden wollten, sondern auch Fachleute ausgebildet, die nun mit dem naturschutzfachlichen Schnitt von Streuobstbäumen beauftragt werden können. Auch für Umweltplaner und Mitarbeiter der Naturschutzverwaltung war manches Detail neu.

Im April 2017 haben die Absolventen des ersten Fachwartkurses die Fachwartvereinigung Markgräflerland e. V. gegründet, welche im LOGL organisiert ist. Zu den Aufgaben des Vereins zählen die Weiterbildung der Fachwarte unter besonderer Berücksichtigung der naturschutzorientierten Erhaltung von Streuobstwiesen und die Neuanlage von Streuobstwiesen. Schnitttechnik, seilunterstütztes Arbeiten in luftiger Höhe, Fachsimpeln oder ein geselliges Miteinander, das alles gehört zu den Veranstaltungen der Fachwarte Markgräflerland e.V.. Damit die Theorie auch in die Praxis umgesetzt wird, hat die Fachwartvereinigung mehrere Projekte initiiert. Zum einen ist dies die Vereinswiese in Buggingen, das Grundstück wurde von der Gemeinde Buggingen pachtfrei zur Verfügung gestellt. Hier wurden robuste Landsorten auf starkwachsenden Unterlagen gepflanzt, zudem fanden verschiedene Biotopaufwertungen statt. Die Vereinswiese wurde im Wettbewerb „Lebendige Landschaft und Lebensmittel: Heimat und Biotopverbund“ am 8. Oktober 2018 von EDEKA Südwest in Kooperation mit der Stiftung NatureLife-International ausgezeichnet.

Im Naturschutzgebiet Berghauser Matten am Schönberg pflegt die Fachwartvereinigung den überalterten großen Streuobstbestand im Auftrag des Regierungspräsidiums Freiburg und der Gemeinde Ebringen. Der Streuobstbestand ist eine der Grundlagen für die Biodiversität im Naturschutzgebiet. Die Vogelarten Neuntöter, Grün- und Grauspecht und verschiedene Fledermausarten nutzen die Kirsch- und Apfelbäume. Auf den Kirschbäumen wächst Rogers Goldhaarmoos, das sein weltweit größtes Vorkommen am Schönberg hat.

Abb.: Pflegeeinsatz der Fachwartvereinigung Markgraeflerland e.V. im Naturschutzgebiet Berghauser Matten beim Pflegeschnitt von Kirschbäumen

Die Larven der geschützten Käferart Körnerbock nutzen das tote Holz in den Streuobstbäumen. Über 1000 Obstbäume und die Berücksichtigung naturschutzfachlicher Belange machen die Aufgabe zu einer Herausforderung. In den ersten Arbeitseinsätzen wurden schwerpunktmäßig instabile Bäume durch Schnitt unter Schonung der Habitatstrukturen stabilisiert, um ein Auseinanderbrechen der Bäume zu verhindern. Parallel dazu wurden 80 neue Bäume alter Kernobstsorten gepflanzt.

Die Fachwartvereinigung bringt aber nicht nur eigene Projekte voran, sondern versteht sich als Impulsgeber. Gemeinsam mit der Gemeinde Kandern-Feuerbach sollen ausgewählte Streuobstflächen nachhaltig in Wert gesetzt werden. Örtliche Akteure werden durch Vermittlung von streuobstspezifischen Fachwissen in die Lage versetzt, die um den Ortskern von Feuerbach gelegenen Obstbäume, im Rahmen einer eigenständigen Initiative dauerhaft zu pflegen. Dies soll im Rahmen eines Aktionstages angestoßen werden. Neben einer theoretischen Einführung in das Thema wird die Fachwartvereinigung den Tag mit mehreren Praxisanleitern und einer streuobstpädagogischen Kinderbetreuung begleiten.