Wildunfallpunkte entschärfen

Wildtiere haben tages- und jahreszeitlich unterschiedliche Anforderungen an ihren Lebensraum und sind dabei auf eine großräumige Raumnutzung angewiesen. So wechseln Rehe und Wildschweine in ihrem Einstandsgebiet auf der Suche nach Nahrung von Waldflächen auf angrenzende Wildäcker oder Wiesen. Auch während der Fortpflanzung oder bei Erschließung neuer Reviere legen Wildtiere oft größere Wanderungen, teils über 100 km, zurück.

Straßen und Schienen mit einem steigenden Verkehrsaufkommen sowie sich weiter ausdehnende Siedlungsbereiche sind Barrieren für die Wanderungen der Wildtiere. Diese Landschaftszerschneidung kann ihre Verhaltensmuster verändern und ihren Aktionsradius reduzieren oder auch ganz verhindern. Wenn eine Begegnung zwischen den einzelnen Teilpopulationen nicht mehr möglich ist, nimmt der genetische Aus- tausch ab. Dies kann zu einer genetischen Verarmung führen und damit das dauerhafte Überleben von Teilpopulationen gefährden.

Die größte unmittelbare Gefährdung für Wildtiere im gut ausgebauten Straßen-und Schienennetz ist die Zunahme verkehrsbedingter Kollisionen. Im Jahr 2018 ereigneten sich alleine in Baden-Württemberg rund 29.000 Wildunfälle. Damit wird alle 18 Minuten im Land ein größeres Säugetier durch den Verkehr getötet. Bundesweit stagniert im Jahr 2018 nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft mit 268.000 Pkw-Wildunfällen die Unfallzahl auf einem hohen Niveau. Die tatsächliche Zahl der im Verkehr getöteten und verletzen Tiere ist vermutlich um ein Vielfaches höher. Gleichzeitig gefährden Wildunfälle die Verkehrssicherheit. Neben oft hohen Sachschäden sind auch Verletzte und im schlimmsten Fall getötete Personen zu beklagen.

In Baden-Württemberg werden die meisten Wildunfälle nur von der Polizei registriert, wenn Personen bei einem Wildunfall zu Schaden kommen. Da glücklicherweise der größte Anteil der Wildunfälle nur zu Sachschäden führt, werden diese wenn überhaupt, als „Bagatellunfälle“ ohne Ursache erfasst. Die Polizeidaten, die ans Statistische Landesamt übermittelt werden, weichen daher um den Faktor von ca. 100 erheblich von der Jagdstatistik ab. Bei der Wildunfallprävention stützen sich die Entscheidungsträger, wie zum Beispiel die Verkehrsbehörden der Landratsämter, aktuell vorrangig auf Wildunfalldaten der Polizei. Dies führt aufgrund der beschriebenen enormen Unterschiede in den Grundlagen zu einer teils hohen Unterschätzung der Gefährdung.

Während der Projektlaufzeit wurden Wildunfallschwerpunkte mit Unterstützung der Jagdausübungsberechtigten im Untersuchungsgebiet ermittelt. Einige der Wildunfallschwerpunkte liegen im Funktionsraum der regional bedeutenden Lebensraumkorridore bzw. den überregional bedeutenden Wildtierkorridoren des GWPs. Vorrangiges Ziel für diese Abschnitte ist es, diese durch wirksame Präventionsmaßnahmen zu entschärfen – im wechselseitigen Nutzen für Mensch und Wildtier. Die dafür in Frage kommenden Lösungsmöglichkeiten unterscheiden sich in Ausführung, Anforderung und Aufwand. Sie reichen von Wildschutzzäunen über Tierquerungshilfen, wie z.B. Grünbrücken, bis hin zu elektronischen Wildwarnanlagen, die die Höchstgeschwindigkeit je nach Wildtieraufkommen anpassen. Aber auch schon eine rechtzeitige Mahd des Straßenbegleitgrüns kann an geeigneter Stelle eine hilfreiche Maßnahme sein, da die Verkehrsteilnehmenden die am Fahrbahnrand stehenden Wildtiere leichter erfassen und entsprechend besser reagieren können – und das funktioniert oft auch umgedreht. Eine weitere praktisch kostenlose, sofort verfügbare und effektive Maßnahme zur Verhinderung von Wildunfällen ist eine Geschwindigkeitsreduzierung im Bereich von Gefahrenstellen. Je höher die Geschwindigkeit, desto kürzer die Reaktionszeit und desto länger der Bremsweg. Eine Begrenzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit entlang der relativ kurzen Wildunfallabschnitte in den Lebensraum- und Wildtierkorridoren würde die Gefahr von Wildunfällen erheblich reduzieren. Die Fahrzeugführenden könnten kontrollierter auf querende Wildtiere reagieren, der Bremsweg verringert sich deutlich und eine Kollision wird eher verhindert. Wildtiere können zumindest etwas gefahrloser die Straße queren.

Zentrale Forderungen:

• Einführung einer Geschwindigkeitsreduzierung auf 70, besser 50 km/h in den Straßenabschnitten, die von einem regionalen Lebensraum- und Wildtierkorridor gequert werden.

• Eine landesweit einheitliche und möglichst umfassende Dokumentation von Wildunfallzahlen, insbesondere auch eine zuverlässige geografischen Verortung der Wildunfälle, auf deren Basis Wild- unfallschwerpunkte lokal ausfindig gemacht und Maßnahmen zur Verringerung von Wildunfällen getroffen werden können.

Das Wildtierinstitut der FVA Baden-Württemberg forscht seit vielen Jahren intensiv zu Präventionsmaßnahmen. Ein speziell eingerichteter Arbeitskreis auf Ebene behördlicher Entscheidungsträger entwickelt langfristig funktionierende Maßnahmen und Strategien zur Reduktion von Wildunfällen.

Wildunfälle melden
– Daten für den Biotopverbund sammeln!

Planungen können nur so gut sein, wie die Daten auf denen sie beruhen. An der Verbesserung der Datenlage können Sie mitwirken. Eine einfache Möglichkeit der Identifikation von Wildunfallschwerpunkten bietet das Tierfund-Kataster (www.tierfund-kataster.de), welches eine bundesweite Eingabe von Wildunfällen für Bürgerinnen und Bürger ermöglicht - sowohl zu Hause als auch unterwegs über die kostenfreie App.